Woche 10: Willkommen in der Gefahrenzone

Der Weg des Künstlers_Gefahrenzone

Der Weg des Künstlers. Woche 10. Wir sind gemeinsam unterwegs: Du, ich, deine Kreativität, meine Kreativität und unsere beiden überbesorgten, etwas irrationalen Freundinnen. Sie reden viel. Sie wollen, dass wir innehalten, ausweichen, umkehren… Wir hören nicht auf sie, aber wir hören zu. Denn sie zu ignorieren, wäre ebenso unklug, wie ihnen nachzugeben.

Nicht jede Gefahr, die unsere Angst sieht, wird eintreten, aber manche vielleicht schon. Nur ist eben keine von ihnen unüberwindbar groß, unsere Angst neigt einfach nur zu teils maßloser Übertreibung.

Wir lauschen also der Auflistung möglicher Gefahren und wir wägen ab, welche von ihnen wie wahrscheinlich sind. Und gegen die Wahrscheinlicheren wappnen wir uns.

Misserfolg z.B., ich denke, um diese Gefahr kommen wir gelegentlich nicht herum. Wir könnten aus lauter Angst vor ihr einfach nichts tun. Wer nichts tut, kann auch nicht scheitern, oder? Welch fataler Irrtum, ist Nichtstun doch der größte Misserfolg von allen. Eine Verschwendung sämtlicher vorhandener und erwerbbarer Ressourcen…

Nein, nichts zu tun, ist in Wahrheit keine Option. Besser ist, wir bereiten uns auf diese Eventualität vor. Nicht, in dem wir von unserem Scheitern ausgehen. Sondern in dem wir uns daran erinnern, dass Scheitern nichts Schlimmes ist, sondern nur die Chance, noch einmal von vorn zu beginnen und dabei viel klüger als vorher zu sein.

Durch die Auseinandersetzung mit unserer Angst haben wir also einen Weg gefunden, die vermeintliche Gefahr des Misserfolges in eine Chance zu verwandeln…
Welch kraftvolle und mutige Magier*Innen wir doch sein können, wenn wir nur zuhören.

Also lauschen wir. Und während wir uns öffnen für die möglichen Gefahren, stellen wir vielleicht fest, dass unsere Angst ein paar handfeste Gefahren für uns Künstler*Innen unterschlägt.

Ruhm z.B., der Beifall der Menge. Anerkennung ist schön. Aber wenn wir sie brauchen, wenn sie zu unserem Lebenselexier wird, einer Droge, der wir erliegen, dann überlassen wir unser Selbstwertgefühl als Künstler*Innen (und damit gewissermaßen auch unsere Identität) dem Publikum, dessen Gunst so wankelmütig und launisch ist wie ein Junkie zwischen 2 Kicks.

Eine weitaus akutere und realere Gefahr für uns Künstler*Innen ist unsere teilweise bewundernswert erfindungsreiche und ja, kreative Fähigkeit, uns selbst zu blockieren und zu sabotieren. Wir haben allerlei Strategien, die uns dabei helfen sollen, nicht kreativ tätig zu sein.
Einige von uns greifen bei einem kreativen Impuls zu ungesundem Essen, weil sie sich danach viel zu vollgefressen und träge fühlen, um jetzt noch zu malen, zu schreiben oder Photographien zu machen. Manche nehmen Drogen oder trinken zuviel oder stürzen sich in zerstörerische Beziehungen. Andere wie ich z.B. sind Jünger*Innen des Eskapismus, Flüchtlinge in die Scheinwelten von Büchern und Filmen/Serien oder Videospielen. Wir konsumieren Geschichten, statt sie zu schreiben, zu Recherchezwecken versteht sich. 😉 Wir können uns so gut etwas vormachen…

Aber warum machen wir das eigentlich?
Weil wir Angst haben, ja okay. Aber geht es da wirklich ums Scheitern, um die Angst zu versagen? Legt nicht die Tatsache, dass wir unsere Erwartungen oft so hoch stecken, dass wir zwangsläufig scheitern müssen, nahe, dass wir auf’s Scheitern in Wahrheit sogar ein bisschen abfahren?

Ich hatte es letzte Woche schon angedeutet: Wir Künstler*Innen haben einen Hang zum Dramatischen, sind kleine oder sogar große Dramaqueens and kings: Seht nur, wie meisterlich und vortrefflich ich leide und wie wacker ich mich dabei schlage… Ist unser Schmerz nicht königlich?
Wie lieben wir doch unser Selbstmitleid. Wir hegen und pflegen es statt uns selbst. Denn das, was wir sind und was wir sein könnten, das wozu wir fähig sind, das ist es, was wir wirklich fürchten. Unser Leid, das ist greifbar, das können wir kontrollieren. Aber was, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen, wenn wir aufhören, uns als Opfer widriger Umstände wahrzunehmen, und stattdessen in die Hände klatschen und endlich loslegen, vielleicht sogar Spaß dabei haben?


Die meisten verhinderten Kreativen vermeiden Spaß genauso eifrig, wie sie ihrer Kreativität aus dem Weg gehen. Warum? Spaß führt zu Kreativität … zur Rebellion. Es führt dazu, dass man ein Gefühl für die eigene Macht bekommt, und das macht Angst.

Julia Cameron, Der Weg des Künstlers, S. 280.


Dann würden wir erkennen, wie machtvoll wir sind. Aber diese Erkenntnis kann furchterregend sein. Unsere Macht könnte größer als wir sein, sie könnte uns über den Kopf wachsen und dann über uns zusammenschlagen… Wir könnten allerdings auch in sie hinein und damit über uns hinauswachsen…

Ja, das Wissen um die eigenen Möglichkeiten macht Angst, denn mit ihm folgt die Erkenntnis, dass wir es in der Hand haben, nicht nur unsere Kunst, sondern auch unser Leben zu gestalten. Wir können nicht länger verleugnen, dass wir selbst für uns und unsere Leben die Verantwortung tragen.

Echt gruselig, denkt da das Künstlerkind in uns, Verantwortung… Das klingt so sehr nach Erwachsenenkram.
Was wir ihm und uns selbst noch beibringen können: Man kann die Verantwortung tragen und trotzdem Spaß haben. 😉 😀

 

>>> Weiter mit dem Vorerst-Finale auf dem Weg des Künstlers in Woche 11 & 12

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12 Gedanken zu “Woche 10: Willkommen in der Gefahrenzone”

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Liebe Mo,
    du hast es letzte Woche nicht nur angekündigt, sondern es heute es mir auch noch mal mit der Überschrift „Willkommen in der Gefahrenzone“ in mein Gedächtnis geschrieben, das sich interessanterweise erst wieder an den Titel erinnerte, nach dem ich einen Selbstversuch im expressiven Schreiben durchgeführt hatte …
    Unglaublich, mache ich doch deine zehnte Blogwoche sozusagen nur in der Light-Version mit, haha, dachte ich, noch naiv nach meinen eher harmlosen Morgenseiten, in denen ich noch nicht einmal nachgelesen habe. Wie auch immer, es bewegt sich gerade so viel in meinem Leben, erst einmal nur gedanklich und auf dem Papier, dass ich mir in manchen Momenten gar nicht vorzustellen traue, was da noch kommt, bzw., was da noch geht, wenn ich die Verantwortung für mich übernehme und die Künstlerin noch mehr ins Leben und auf ihren Weg schicke …
    Wow, bin gerade ziemlich überwältigt und habe dann noch die Tierkarte der Ahnen gezogen, so ihr lieben Geister, kommt her, ich nehme die Herausforderung eines Dates mit euch an, und nein, ich habe heute keinen Alkohol getrunken, nur etwas viel Kaffee, aber der macht nur einen wacheren Blick, den ich auch ohne habe …
    So, als hätte mir heute jemand eine Brille vor den Augen weggenommen, von deren Existenz ich bis heute nichts wusste,
    liebe Grüße,
    Mia,
    die heute mal versucht früher zu schlafen, haha, …:-)

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    1. Liebe Mia,
      ja, dafür sind sie da, die Morgenseiten: zum Anlauf nehmen, wieder und wieder, bis wir eines Tages auch im echten Leben den Mut finden, uns vorwärts zu bewegen… Wir schreiben fort, was uns abhält, bisher, und bilden schreibend neue Muster, bis wir nicht mehr umhin können, ihnen auch außerhalb der Seiten Ausdruck zu verleihen. Die Morgenseiten sind Minen- und Übungsfeld zugleich, sie zeigen auf, sie laden ein…
      Die Tierkarte der Ahnen? Das klingt irgendwie spannend. Bringst Du die am Freitag vielleicht mal mit?
      lg. mo…

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  2. Liebe mo…,
    „man kann die Verantwortung tragen und trotzdem Spaß haben“, dieser Satz gefällt mir. Ich habe mal von einem weisen älteren Menschen den Satz mit auf den Weg bekommen: „Ich werbe darum, dass Sie sich selbst vertrauen.“ Das war der Hammersatz meines Lebens. Da wirbt einer bei mir um Selbstvertrauen. Er fordert es nicht, er wirbt dafür. Diesen Satz denke ich so oft, wenn ich mal wieder in der Zögerfalle stecke und gebe mir damit einen Ruck, den Schritt in unbekanntes Terrain zu setzen. Da passt doch der Satz mit dem Spaß direkt dazu.
    Liebe Grüße
    Anne

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  3. Liebe Anne,
    stimmt das ist ein schöner Satz, den dir jener weise Mensch da geschenkt hat. Wir in der Beratung laden unsere Klienten ein. Ich finde, das hat etwas ähnlich Sanftes: „Ich möchte Sie einladen, etwas freundlicher zu sich selbst zu sein. Ich möchte Sie einladen, sich heute etwas zu gönnen….“ Solche Einladungen, die kann man annehmen, wenn man möchte, das bleibt immer dem/ der anderen überlassen…
    Ich freue mich sehr, dass Du auch meinen letzten Satz als Einladung verstehst und noch mehr freue ich mich für dich, wenn Du sie gelegentlich annimmst. 🙂
    lg. mo…

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  4. Liebe Mo…,
    diesmal stimmt mich dein Text sehr nachdenklich. Weil ich mich so erschreckend wieder erkenne in den Sabotageakten gegen meine eigene Kreativität. Der Griff zur Chipstüte am Abend, wenn die Kinder im Bett sind, das war mir gar nicht klar, was da genau vorgeht, aber das Ergebnis ist dann eben: hinlegen und dabei vielleicht noch einen Film gucken, statt wie VOR dem Öffnen der Tüte geplant, am eigenen Text zu schreiben.
    Sehr dankbar bin ich dir für die Erinnerung daran, dass Scheitern nichts Schlimmes ist (wobei ich finde, dass das Wort schon schlimm klingt; vielleicht könnte man es etwas freundlicher: „nicht gelingen“ nennen?). Wenn ich mich an Vorhaben, nicht nur kreativer Art, erinnere, die gescheitert sind (z.B. meine Ehen, aber auch vieles andere in meinem Leben), dann muss ich allerdings hinzufügen, dass es Phasen gibt, in denen sich dieses Scheitern durchaus sehr schrecklich anfühlt. In denen ich auch geglaubt habe, dass das Scheitern als solches schlimm sei. Und wenn ich mir dann noch überlege, dass diese Phasen des Leids, des Schmerzes und der Trauer über das Scheitern auch Jahre dauern können, dann muss man schon ein Mensch sein, um im Nachhinein immer wieder sagen zu können: Aber ich habe daraus gelernt, ich bin daran gewachsen, und was und wie es passiert ist, war es gut so.
    Und da ich eben ein (solcher) Mensch bin, stimme ich dir völlig zu. Ich werde versuchen, mir das zu Herzen zu nehmen!
    Danke für diesen Beitrag mit sovielen interessanten Gedankengängen 🙂
    Herzlich, Fe.

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    1. Liebe Fe,
      es stimmt, wir sind Menschen und als solche fehlbar und verletztlich. Wir werden uns hier und da selbst im Weg stehen und wir werden hier und da auf die Nase fallen, sei es nun, weil wir uns selbst ein Bein gestellt haben oder andere. Und ja, egal wie wir es am Ende nennen, ob Scheitern, Misslingen, Misserfolg, Rückschlag, Rückschritt oder eben die Chance eines Neuanfangs, es wird erst einmal weh tun. Und Schmerz fühlt sich natürlich schlimm an. Aber wie ich in Woche 8 (https://mosaiksrunen.wordpress.com/2017/06/05/der-weg-des-kuenstlers-woche-8-warum-wir-dem-produkt-den-prozess-machen-sollten/) geschrieben habe, steckt ja bereits im Schmerz selbst die Chance eines Neuanfangs. Wenn wir Trauerarbeit leisten und den Schmerz verarbeiten, nicht nur emotional, sondern – unterstützend quasi – künstlerisch, dann lernen wir, das Schmerz eine Art Zündstoff ist, der eine Weile brennt, neue Energien freisetzt und mit der Zeit erlischt… So verwandelt sich Schmerz im Nachhinein in eine Geschichte, die sich in unseren Narben lesen lässt. Natürlich ist es niemals leicht, sich währenddessen daran zu erinnern… 😉 Aber wir können uns dafür kleine Erinnerungsanker schaffen, kleine symbolische Mutmacher quasi. Vielleicht schreibe ich darüber nach den 12 Wochen mal einen Blogeintrag. Danke für die Inspiration zu dieser Idee. 🙂
      lg. mo…

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  5. Liebe Mo,
    deine Collage fängt den inneren Widerstreit toll ein. Ich bin sehr beeindruckt von den Gedanken in deinem Text – bisher habe ich bei Angst nur an die Angst zu scheitern gedacht, aber dass auch der kreative Ausdruck oder gar Erfolg und die damit verbundene Selbstermächtigung Angst machen kann… Aber es stimmt!
    Ich fühle mich beim Lesen hin- und hergerissen zwischen Tatendrang (toller Satz: „Wer nichts tut, kann auch nicht scheitern, oder? Welch fataler Irrtum, ist Nichtstun doch der größte Misserfolg von allen.“) und Respekt (Angst?) vor der Tragweite der Entscheidung „Ich bin Künstlerin“.
    Es ist schließlich eine ernste Sache, denn es betrifft unser ganzes Leben und Sein.

    „Wir können nicht länger verleugnen, dass wir selbst für uns und unsere Leben die Verantwortung tragen.“
    Aber aufgeatmet habe ich doch, als du zum Schluss noch das Spaß eingebracht hast!
    Diese Anteile von Freude, Verantwortung, Zweifel, Angst, Bestätigung und noch viele mehr bestehen halt neben- oder besser: miteinander in uns. Diese Gegensätze kann man gar nicht aufheben – und ich möchte es auch nicht.

    Vielen Dank für deine wertvollen Gedankenanstöße!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      vielen lieben Dank, dass Du deine Gedanken und ambivalenten Gefühle mit mir teilst. 🙂
      Vielleicht hilft es dir ja, wenn Du nicht von dir selbst als Künstlerin sprichst, sondern anerkennst, dass es eine Künstlerin IN DIR gibt? Vielleicht macht es das für dich leichter, für sie/dich zu sorgen?
      JA, Spaß ist wichtig. Das Leben darf und soll Spaß machen. Ich mag den Gedanken, dass es darauf ankommt, immer wieder die Balance zu finden zwischen uns ernst nehmen, aber eben auch nie zu ernst zu nehmen. Ich denke, Humor und die Sorge für uns selbst, können uns dabei hervorragend helfen. 🙂
      lg. mo…

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  6. Liebe Mo,
    mit Leichtigkeit nimmst Du mich in die Schwere der Angst-Gedanken. In Kapitel 10 bin ich noch nicht angekommen, aber Deine Ausführungen malen mir plastisch vor Augen, was mich erwartet: die Konfrontation mit Angst, Macht und Verantwortung! Puh, lauter große Worte mit noch mehr Großem dahinter. Ich bin auch gerade in Auseinandersetzung mit meinen Hürden und Blockaden. Und eine Frage, die mir auch schon gestellt wurde ist: Was wäre, wenn ich erfolgreich bin? Dazu läuft ein innerer Film bei mir ab… Auch der kann Angst auslösen!
    Ich bin froh, dass Du diese Gedanken mit uns teilst. So fühle ich mich in einer Solidargemeinschaft von Künsterler*innen, die es sich selbst noch nicht so ganz glauben. Auf geht’s!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Liebe Christiane,
      ja, große Worte sind das und dahinter/ darunter ein bunter Teppich aus Gefühlen, die sich auf unserem Weg immer mal wieder melden werden. Sie verschwinden ja nicht, aber vielleicht gelingt es uns nun, sie besser zu erkennen, vielleicht wissen wir nun, hilfreicher mit ihnen umzugehen… Genauso werden wir auch immer wieder die Gelegenheit haben zu üben, in uns und in einander Künstler*innen zu sehen. 🙂
      lg. mo…

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