Woche 8: Warum wir dem Produkt den Prozess machen sollten

In meinem Beruf begegne ich oft jungen Menschen, die sich bezüglich ihres Studiums an einem Scheideweg befinden. Sie merken, dass sie unglücklich sind mit dem Weg, den sie gewählt haben. Sie spüren ganz deutlich, dass der jetzige Weg nicht der ihre ist und dennoch wollen sie weitergehen.

Wenn ich jetzt aufgebe, sagen sie, dann war doch alles umsonst, dann habe ich meine Zeit verschwendet.

Sie denken das, weil sie an dieser Stelle angeblich noch nichts vorzuweisen haben. Es gibt keine Urkunde, die ihren Erfolg belegt. Es gibt kein Zeugnis dessen, was sie bisher geleistet haben. Ergo haben sie nichts geleistet, nichts gelernt, war alles verschwendete Lebensmüh, so glauben sie. Dass das natürlich nicht wahr ist, diese Erkenntnis ist beinahe genauso wenig wert wie die nicht vorhandene Urkunde, in einer Welt, in der wir ausschließlich dem Produkt huldigen.

Auch auf dem Pfad der Kreativität sind wir davor nicht gefeit. Wir wünschen uns Garantien dafür, dass es sich lohnt, den Weg des Künstlers zu beschreiten.
Wir wollen, dass diese Reise sich im Resultat als
wertvoll erweist.

Und wir meinen damit, wir wollen kreative Produkte vorweisen. Denn nur an ihnen misst sich vermeintlich unserer Erfolg, in den Maßeinheit Geld und/oder Applaus.

Doch Garantien gibt es keine, nur Vertrauen. Und Kühnheit. Den Mut, immer wieder neu anzufangen, aber auch den Mut, Verlorenes zu betrauern. Denn wir werden gelegentlich verlieren. Vielleicht sogar oft. Nicht jede unserer Schöpfungen erntet zwangsläufig Applaus, nein, oft bleibt er aus oder schlimmer noch, eine allzu kritische Stimme löscht unsere Hoffnungen auf Anerkennung und Erfolg regelrecht aus.

Und dann müssen wir trauern. Dann müssen wir Abschied nehmen. Denn nur so können wir heilen, denn nur so überleben wir, stehen wir immer wieder auf. Wir nehmen den Verlust in uns auf und lernen daraus. Wir akzeptieren kein Nein, sondern halten nach neuen Türen Ausschau.


Der Schlüssel liegt im Handeln. Schmerz, der nicht gewinnbringend genutzt wird, verfestigt sich zur Blockade, und heraus kommt ein bleiernes, blockiertes Herz, das jegliches Handeln erschwert. Wenn Sie sich mit einem Misserfolg konfrontiert sehen, dann setzen Sie sich sofort in Bewegung, und tun Sie etwas, um Ihren inneren Künstler zu unterstützen. Selbst wenn Sie lediglich einen Strauß Tulpen und einen Zeichenblock kaufen […].

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, S. 234.


Das ist es, was wir oft vergessen, was wir Kreativen in Wahrheit aber mehr als alles andere brauchen. Den Neuanfang, das Gefühl des Schaffens.

Kennst du nicht auch dieses Gefühl der Leere, wenn Du etwas vollendet hast? Zuerst fühlst Du dich vielleicht noch erleichtert und stolz, aber dann bleibt da eine leere Stelle zurück, die selbst Erfolg und Anerkennung nicht füllen können.

Wir glauben, wir bräuchten die Bestätigung von außen, doch wirklich lebendig fühlen wir uns nur im Prozess, während wir schöpferisch tätig sind.

Oder sollte ich da doch nur von mir sprechen?

Ich liebe es zu schreiben. Es erfüllt mich bisweilen mit Staunen, zuzuschauen wie die Worte aus mir herausströmen. Dann spüre ich die kreative Energie in mir fließen. Ich liebe es zu nähen. Zusehen, wie die Stücke sich mehr und mehr zusammenfügen. Ja, ich liebe sogar das hadern und grollen, wenn mir etwas dann doch nicht so recht gelingen will. Ich beobachte mich, wie ich fluchend den Faden auftrenne und muss dabei über mich selber lächeln. Ich liebe es, einzelne Striche zu ziehen. Jeder für sich fuchtbar wackelig und krumm, doch sie wachsen zu einem Ganzen zusammen und füge ich dann noch die Schattierungen ein, finde ich das Bild plötzlich schön… Daran teilzuhaben, wie alles sich Stück für Stück zusammenfügt, das ist es, was ich eigentlich will, denn zu keinem anderen Moment fühle ich mich lebendiger und mehr bei mir…


Wenn wir uns auf den Prozess einlassen, dann bewahrt sich unser kreatives Leben den Geschmack des Abenteuerlichen.

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, S. 238.


Und dennoch vergesse auch ich immer wieder die Lust und die Freude, die dem Schöpferischen innewohnen. Ich will mich beweisen. Und stehe mir damit immer mal wieder selbst im Weg.

Doch zum Glück verstehe ich es längst als Teil eines größeren kreativen Prozesses, mich mit meinen Blockaden auseinander zu setzen. Ich bin auf dem Weg des Künstlers. Ich bin mein größtes Kunstprojekt. Und dieser Prozess wird sich wohl noch eine ganze Weile hinziehen… 😉

 >>> Zum Beispiel auch in Woche 9.

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12 Gedanken zu “Woche 8: Warum wir dem Produkt den Prozess machen sollten”

  1. Liebe Mo,
    und ich werde die Künstlerin, DICH, weiter hier begleiten und freue mich jetzt schon auf all das, was dir begegnen wird, Tolles, Inspirierendes und vielleicht nicht so Geniales und weniger Schöne, aber alles wird dafür sorgen, dass du wieder anfängst ubd dich einlässt: *Den Neuanfang, das Gefühl des Schaffens.*
    Immer wieder (neu) anfangen. Ich , jeden Tag,

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      1. Liebe Mia,

        3 Wochen! Respekt von einer, die es wissen muss! ICh danke dir auch diesmal für deine Ermunterungen. Ich freue mich sehr für dich, dass auch dir die Worte immer wieder Anlass für einen Neuanfang sind und dass sie dich tragen, immer weiter, die Guten… und wie hübsch Du sie verbindest… 🙂
        lg. mo…

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  2. Liebe M…,
    Ist das Produkt erst einmal vollendet, könnte man ja richtig stolz sein, aber damit endet eben auch eine kreative Phase und das hinterlässt dieses Gefühl von Leere. Aber deshalb immer nur im Flow des Schaffens bleiben zu wollen, kann nicht die Alternative sein. Ich glaube, es ist die Sehnsucht nach diesem Gefühl des Flow, wenn es beim Schreiben nur so aus einem raussprudelt oder die Töne sich beim Singen selbstverständlich aus der Kehle lösen, die uns immer wieder auf den Weg der Kreativität schickt. Und dieser Weg ist wohl ein ziemliches Auf und Ab.
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      ich sehe schon, es geht mir mit der Leere nach dem schöpferischen Finale nicht als einzige so. Natürlich hast du recht, es geht nicht ausschließlich um den Flow/Prozess (wobei ich allerdings nicht nur das Sprudeln, sondern eben auch das gelegentliche „Husten“ meine). Es braucht die Pause in Form des Produkts. Nur wird letzteres halt allzu oft überbewertet. Dabei lernt man doch gerade während des Prozesses so viel. Und der erneute Prozess ist das Mittel zur Heilung der inneren Leere (vor allem auch, wenn man mit/an dem Produkt gescheitert ist). Mir fällt grad ein, ich hab vor hundert Jahren dazu sogar mal ein kleines Gedicht geschrieben:

      Post Scriptum

      Nach dem Schreiben
      folgt die Stille
      wie ein Traum.
      Der Geist ruht sich dort aus.
      Zur Erholung
      surft er auf einer Welle
      neuer Worte…

      lg. mo…

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  3. Liebe Mo,
    wieder hast du es geschafft, mich total mit meinen eigenen Zweifeln einzufangen. Ich denke jetzt darüber nach, was mir beim Schaffen (insbesondere beim Schreiben) mehr Erfüllung gibt, der Prozess oder das Produkt. Wie so viele wurde auch ich in Schule, Studium und Beruf auf das Ergebnis, das Produkt als Ziel alles Handelns getrimmt.
    Vielen Dank, dass du mich daran erinnert hast, dass es beim kreativen tätig sein anders ist (und sein darf). Ich schwinge da ganz mit dir, dass eigentlich dieser Schreibrausch (und auch das Ringen und Hadern davor und dabei) die Phase ist, bei der ich mich am lebendigsten fühle.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  4. Liebe Dr. Mo…,

    ich bin gerade auf Künstler-Abwegen, immer öfter fallen die Morgenseiten aus oder werden abgekürzt, meine Wochenaufgaben erledige ich halbherzig, ich hänge noch irgendwo in Woche 5 fest und denke über einen Abbruch nach. Das liegt aber weniger an den Produkten, sondern dem Prozess: Ich fühle mich schlicht kraftlos und gequält, nicht speziell von diesem Programm, vom Dasein an sich. Was soll ich tun?

    Oh je, das klingt nach totaler Depression (die es wahrscheinlich auch ist), dabei wollte ich eigentlich witzig klingen. Und dir wieder einmal sagen, wie großartig dein Weg ist! Hier ist Neid dann wirklich ein Indikator, wo ich gerne hinwürde. Immer wieder tun, neu anfangen, darin aufgehen können – wunderbar! Komm gut durch Woche 9, herzliche Grüße: Amy

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  5. Liebe Amy,
    ich finde Abwege durchaus okay, auch dort gibt es schließlich Neues zu entdecken. 🙂 Ich finde es auch nicht schlimm, wenn Du die Wochenaufgaben schleifen lässt, da bin ich auch nicht immer so diszipliniert. Und wenn Du die Morgenseiten nicht jeden Tag schreibst, halb so schlimm, so lange Du sie vielleicht nicht komplett sausen lässt… Die Verlockung ist groß, ich weiß, weil sie teilweise gnadenlos vor Augen führen, was gerade nicht läuft, aber gerade darin stecken ja auch Chancen… Am hilfreichsten fände ich es aber, wenn Du zumindest die Künstlertreffs aufrecht erhältst. Tu dir Gutes, schlepp Dein Künstlerkind an schöne Orte oder verrückte, bunte, gib ihm Gelegenheit zu spielen. Einmal die Woche, gern auch mehrmals oder täglich… Und wenn Du dich zu kraftlos fühlst, leg dich draußen auf den Rücken und lass Dein Künstlerkind mit den Wolken spielen… (kitschig, oder?) Aber mache dir auch das nicht zur Verpflichtung, sondern mache es einfach nur, weil es schön oder albern oder lustig oder wohltuend ist… Und wenn Du irgendwann vielleicht wieder Lust und Energie hast, machste mit Woche 6 weiter. Die läuft dir ja nicht weg.
    Ich danke Dir übrigens sehr, dass Du meinen Weg so lobst, aber Du musst wissen, ich hadere nach wie vor damit. Und ich weiß nicht, ob ich noch so fleißig dabei wäre oder überhaupt, wenn ich ihn nicht (wohlwissend) mit dieser Blog-Aufgabe verbunden hätte und wenn ich nicht immer wieder von Euch so ermutigende Feedbacks bekommen würde. Insofern hast Du mein vollstes Verständnis!
    lg. mo…

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  6. Liebe Mo,
    „Ich bin mein größtes Kunstprojekt.“ Ganz toll, schreibst Du sowas. Und meinst es auch noch richtig. In der zeitg. Bildenden Kunst ist leider die Produktorientierung heute maximal und wird an vielen Schulen gelernt. Es gilt, möglichst früh, eigentlich schon im zweiten Semester, was vorzeigen zu können, wenn die Galeristen an den Rundgängen durch die Ateliers düsen, auf der Suche nach vermarktbaren Talenten.

    Dem machst Du oben schön den Prozess und das gefällt mir.

    Mo 4ever4 Mo

    Herzlich, Urs

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  7. Liebe mo…,
    als (ehemalige?) Journalistin war ich schon sehr produktorientiert. Egal wie, Hauptsache der Text wurde fertig und konnte zur Abnahme. Ist ja auch klar, schließlich wird das Produkt bezahlt, die Zuschauer wollen den fertigen Fernsehbeitrag sich nicht stumm anschauen. Und Geld verdienen musste ich ja auch. Bezahlt wird das Produkt und nicht der Prozess. Und dabei liebe ich es, im Prozess zu stecken, zu fließen, zu stocken, umzuschreiben, zu ergänzen, zu feilen, doch wieder verwerfen, neue Ideen einzuarbeiten … Und die von dir beschriebene Leere nach der Vollendung kenne ich auch gut. Ich habe den Verdacht ;), dass sie dafür das ist, dass Neues wachsen kann, Raum und Platz findet. Doch so sehr ich den Prozess schätze und genieße, komplett ohne Produktorientierung wäre mir das Schreiben zu langweilig. Es wäre wie eine Suppe ohne Salz, hätte etwas Autistisches. Schreiben ist für mich meistens auch ein Dialog und um in den Dialog treten zu können, muss ich einen Punkt setzen und potentiellen Leserinnen und Lesern mein Produkt anbieten. Und sei es, dass „nur“ ich selbst die Leserin bin. Der Gedanke ans Produkt hilft mir, mich zu fokussieren, zu konzentrieren, zu strukturieren.
    Herzlich, Sabine

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    1. Liebe Sabine,
      Du hast recht, natürlich arbeiten wir auf ein Produkt hin oder ein Ziel… Aber wer allzusehr nach dem Produkt schielt, der vergisst, den Prozess zu genießen. Und, wenn ihm/ihr dann das Produkt nicht gelingt oder es nicht die Anerkennung erhält, die es vielleicht verdient, dann bleibt sie/er mit dem Gefühl des Versagens zurück. „Alles war umsonst/ Ich habe meine Zeit verschwendet.“ Wer aber den Prozess wertschätzt, wird sich damit trösten können, dass er/sie viel gelernt hat und dass ihr/ihm diese Erfahrung helfen wird, das nächste Projekt zu starten und besser zu werden.
      Danke und liebe Grüße
      mo…

      Gefällt 1 Person

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