Woche 9: Der Angst ins Auge blicken

Woche 9 ist vorüber. Drei Viertel der Reise auf dem Weg des Künstlers liegen bereits hinter mir. Hier und da sind wir auf dem Weg auch der Angst begegnet. Wir haben sie gestreift. Es war also längst Zeit, ihr ins Auge zu sehen…

Wir haben alle Angst vor den verschiedensten Dingen. Doch es scheint, dass sie uns insbesondere in kreativen Dingen eine sehr hartnäckige Begleiterin sein kann.


Ich kam zu dem Schluss, dass ich mir eine ausreichend große Innenwelt schaffen müsste, in der meine Angst und meine Kreativität friedlich nebeneinander existieren können, denn es sah ganz danach aus, dass sie sich nicht trennen lassen würden. Tatsächlich kommt es mir so vor, als wären meine Angst und meine Kreativität siamesische Zwillinge was sich daran zeigt, dass meine Kreativität keinen einzigen Schritt tun kann, ohne dass meine Angst neben ihr her marschiert.

Elizabeth Gilbert: Big Magic. Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen, Kapitel: Die Reise.


Wir fürchten uns. Aber das zuzugeben ist nicht leicht. Also verstecken wir uns hinter falschen Bezeichnungen. Wir nennen uns selbst faul, weil wir nicht vorangehen, weil wir vermeiden und schon wieder nichts oder zu wenig getan haben. Aber dahinter liegt oft, allzuoft Angst. Angst, nicht zu genügen, nicht gut (genug) zu sein, nicht fertig zu werden, zu scheitern, aber auch davor, Erfolg zu haben, denn was dann? Dann steigt der Druck vielleicht noch mehr an. Sind wir erfolgreich, müssen wir nachreichen, müssen wir liefern und dann fängt alles von vorne an…

Also haben wir Angst und Angst kann lähmend sein. Und mit ich müsste/ ich sollte kommen wir oft nicht dagegen an.


Der verhinderte Künstler wendet normalerweise viel Energie auf nur kommt leider nichts Sichtbares dabei heraus. Seine Energie  fließt in Selbsthass, Bedauern, Trauer und Neid mit einem Wort Selbstzweifel.

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, S. 255


Wir sind also nicht faul, sondern wir haben Angst.

Weißt Du, es ist okay, ängstlich zu sein, aber wenn wir vorwärts kommen wollen, dann sollten wir uns dem lieber stellen.

Hier könnte uns unsere Kreativität behilflich sein. Wir könnten unsere Angst malen. Auf diese Weise externalisieren wie sie und können sie für uns sichtbar und (be-) greifbar machen. Wenn wir sie dann vor Augen haben, können wir uns dankbar zeigen dafür, dass sie uns schützen möchte vor dem Schmerz des Misserfolges und des Erfolgs und dann nehmen wir ihr die Bürde dieser Verantwortung ab. Wir sagen Danke, aber nein! Ich lasse mich ab jetzt nicht mehr von dir aufhalten!

Angst ist nicht unser Feind. Sie ist eine überbesorgte Freundin und als solche ein wenig irrational.

Der Angst zuzuhören, aber nicht auf sie zu hören, das bedeutet, den Fuß von der Bremse zu nehmen, doch das allein reicht natürlich nicht aus. Um vorwärts zu kommen, muss es auch einen Antrieb geben. Manche von uns glauben, das sei Disziplin. Doch Disziplin ist nur ein billiger Ersatz. Sie dient allein dem Ego, nicht jedoch dem Spaß. 


Über einen längeren Zeitraum hinweg erfordert Künstlerschaft eher Begeisterung als Disziplin. Begeisterung ist kein emotionaler Zustand. Sie ist eine spirituelle Verpflichtung, Liebe und Hingabe an unseren kreativen Prozess, ein liebevolles Anerkennen der gesamten Kreativität um uns herum.
Enthusiasmus (das aus dem Griechischen stammende Fremdwort für Begeisterung bedeutet »mit Gott angefüllt« sein) ist eine dauerhafte Energiequelle, die dem Lebensfluss selbst entspringt. Er gründet sich auf Spiel, nicht auf Arbeit. Weit davon entfernt, ein gehirntoter Soldat zu sein, ist unser Künstler in Wirklichkeit unser inneres Kind, unser innerer Spielkamerad.

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers, S.258f.


Wenn Du also kreativ sein möchtest, dann zwinge dich nicht dazu, sondern lade dein inneres Künstlerkind zum Spielen ein. Spielt mit Worten, mit Farben, mit Dingen, mit Schnipseln, völlig egal, nur lass den kreativen Schaffensprozess ein Spiel sein…

Aber Vorsicht, diese Einladung kann gefährlich sein. Denn sprechen wir sie aus, kommen wir nicht mehr allzuoft in den Genuss, uns zu bemitleiden. Wir werden dann vielleicht waschechte Künstler*Innen sein. Wir werden erschaffen, gelegentlich scheitern, trauern und neu anfangen, wir werden hadern und fluchen und voller Schaffenskraft sein.

Bist Du dafür bereit? Bist Du bereit, für dein künstlerisches Schicksal verantwortlich zu sein? Dann kann dir eine Übung von Julia Cameron vielleicht weiterhelfen. 

Wir treffen uns dann wieder in Woche 10. Ich habe gehört, die soll auch nicht ganz ungefährlich sein… 😉

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16 Gedanken zu “Woche 9: Der Angst ins Auge blicken”

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Liebe Mo,
    wie sehr ich deine wöchentlichen Beiräge doch mag und dann muss ich auch wieder schmunzeln wegen der in meinen Augen sicht- und spürbaren Synchronizität, denn Angst ist auch gerade in dieser Woche mein vorherrschendes Thema.
    Die Idee, die Angst zu malen, finde ich genial, werde ich nachher geich mal ausprobieren. Freue mich darauf, „meine überbesorgte Freundin“, auch das ein schönes Bild, auf dem Papier sichtbar zu machen.
    In sich einen möglichst großen Raum für beide, Kreativität und Angst zu schaffen, macht in meiner Welt sehr großen Sinn und verbindet sich genau da auch oft zu den besten Ergebnissen. „Beste Ergebnisse“ im Sinne von, wenn dieser Auseinandersetzung sich direkt und ohne Schnörkerl im Schreibfluss wiederfindet, ist es „echt“ … und schreibt sich oft und immer wie von selbst, es sei denn, wir selbst verhindern es.
    Ich freue mich schon auf die nächste Woche, auf Woche zehn, „nicht ganz ungefährlich“ schmeckt nach Orange, nach Abenteuer und nach mehr …;-)
    Liebe Grüße und dir einen sonnigen, freien Tag,
    Sabine

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      1. Liebe Mo,
        so, hier kommt meine, auf ein weißes DINA-Papier gebannte, Angst, dieser vertraute Papierrrahmen, flankiert von meinen Wörtern lässt sie kleiner, überschaubarer und vor allen Dingen „handhabbarer“ – schönes Wort! – werden: http://www.wenn-leben-erzaehlt.de/wp-content/uploads/2017/06/Angst.jpg. Der letzte Satz, den habe ich von dir und der hilft mir da gerade sehr,
        liebe Grüße und ein schönes, freies Wochenende,
        Mia,
        auf dem Weg ins Schreibcafé.

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  2. Liebe Mo,
    auch ich kann dir ein Lied von der Angst singen. Eigentlich dachte ich immer, ich sei ein Ritter ohne Furcht und Tadel – weit gefehlt .. Die Aussicht, eine Kurzgeschichte zu schreiben, lässt mich schlottern und bibbern und jeder Versuch, diesem inneren Gezitter mit meinem Verstand zu begegnen, ist fehlgeschlagen bisher.
    Da ich überhaupt nicht malen kann, werde ich die Angst mal als Tier imaginieren und mich mit ihr unterhalten.. Oder ich setze sie alle gepflegt an einen Tisch, die Angst, den inneren Kritiker, die Leidenschaft, die Liebe und die Sehnsucht und schreibe dann einen Dialog zwischen den Herrschaften.
    Vielen Dank für genau diese Inspirationen zur rechten Zeit …
    bebende Grüße
    Hedda

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    1. Liebe Hedda,
      oh ja, ich bin ganz bei dir. Die Kurzgeschichte. Geplantes Schreiben. Da bibbert’s mir auch ein bisschen. Aber gleichzeitig bin ich auch ganz neugierig, wie die Idee, die mir da im Kopf rumschwirrt, sich entwickeln wird…
      Die Angst als Tier zu imaginieren ist eine schöne Variante. Und all die inneren Anteile an einen Tisch zu bringen und sich austauschen finde ich ebenfalls eine schöne, spielrische Idee. Wer weiß, welche Geschichte daraus noch entsteht. 🙂
      lg. mo…

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  3. Liebe Mo…
    komisch, ich kenne viele Ängste – die großen und die kleinen Lebensängste- aber Angst vorm Schreiben hatte ich bisher nicht. Angst vor der eigenen Kreativität? Doch ja, ich habe manchmal Angst vorm Singen – vor den falschen Tönen – diese Angst kenne ich auch, auch wenn ich das Singen leidenschaftlich liebe. Da kommt manchmal echte Versagensangst auf. In einer Schreibgruppe hat die Leiterin uns mal den Tip gegeben, bei solchen Ängsten sich neben die Angst zu setzen und sie zu fragen, ob sie nicht unsere Freundin sein wolle. Dann könne man ja in einen Dialog treten. Na ja, diese Sangesangst guckt eigentlich nur böse rum, reden tut sie nicht. Ich halte mich dann an meine Chornachbarinnen und singe gemeinsam mit ihnen gegen meine Angst an. Das geht ganz gut, denn von ihnen kriege ich Unterstützung, weil ich ihnen von meiner Angst erzählt habe. Also vielleicht auch gemeinsam gegen eine solche Angst???
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. Liebe Anne,
      Du Glückliche! Kennst keine Schreibangst… 🙂
      Jupp, gemeinsam gegen die Angst ist auch eine sehr gute Strategie. Da fühlt man sich gleich nicht mehr so allein. Danke für diese wichtige Ergänzung!

      lg. mo…

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  4. Liebe Mo,
    die Angst – ja, welch gefährliches Kapitel, dem Du Dich stellst! Mir gefällt das Zitat aus dem Buch von Elisabeth Gilbert. Kannst Du es mir mal leihen?
    Ich kenne Schreibangst auch gut. Sie zeigt sich im Prokrastinieren! Die Kurzgeschichte (mit einigen Vorübungen) ist ein sehr prominentes Beispiel! Meine Geschichte könnte langweilig sind, sprachlich schlecht (meine größte Angst beim Prosa-Modul!), dem Auftrag nicht genügen usw. Also fange ich gar nicht an. Schiebe es vor mir her. Oder behalte das Geschriebene möglichst lange unter Verschluss.
    Diese Frage, was wäre, wenn ich tatsächlich erfolgreich wäre, löst auch Angst aus. Dann muss ich ja weiterhin liefern, dann steigen die Erwartungen, dann muss jede Arbeit eine 1,0 werden. *seufz*
    Um der Angst zu begegnen, hilft mir Focusing: Mit dieser Angst, die sich ja irgendwie körperlich zeigt, in Kontakt treten. Denn sie ist ja da, sie bleibt und wirkt, auch wenn ich mich ihr nicht zuwende. Im Focusing nehme ich mir die Zeit, bei ihr zu sein (wie das Bild mit der Freundin). Und dann reagiert sie und hat oft unerwartete Botschaften… Ich schreibe bestimmt mal über einen Focusing-Prozess im Detail auf meinem Blog.
    Ich gehe mir Dir in Woche 10!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Liebe Christiane,
      ja, gerade jetzt bei der Kurzgeschichte erlebe ich die Schreibangst auch sehr deutlich. Obwohl es meine erste bewusst geschriebene Kurzgeschichte wäre, soll sie natürlich gleich cool und großartig werden, aber was, wenn mir das nicht gelingt? Ganz furchtbar wäre das! Ganz, GANZ furchtbar! Meine Angst ist echt eine kleine Dramaqueen. Mir hilft es, das so zu überziehen, mich so hineinzusteigern, dass ich plötzlich darüber lachen muss. Das löst die Anspannung, die die Angst begleitet. Und dann kann ich mir sagen, fang doch erstmal an, schreib, was schon da ist, der Rest wird kommen und danach hast du massig Zeit das zu überarbeiten…
      Das Buch von Elisabeth Gilbert würde ich dir gern leihen, hab es aber leider nur in meiner Kindl-App. :/

      lg. mo…

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  5. Liebe Mo,
    wieder so ein toller Beitrag! Ja, die Angst ist irgendwie allgegenwärtig – Grund genug, sie mal unter die Lupe zu nehmen.
    Mir gefällt auch dein Humor: „Denn sprechen wir sie aus, kommen wir nicht mehr allzuoft in den Genuss, uns zu bemitleiden.“

    Ganz super finde ich auch deine Bild-Kunstwerte auf den verlinkten Unterseiten.
    Du solltest wirklich mal eine Ausstellung machen!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,

      vielen lieben Dank für das tolle Kompliment! Ich werde mal darüber nachdenken. 🙂
      Ja Ironie und insbesondere Selbstironie mag ich sehr gern. Wie gesagt, man soll sich ja ernst, aber eben auch nicht zu ernst nehmen… 😀
      lg. mo…

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